Herrnhuter Losung 6. April 2020 

Wenn ich auch noch so viele meiner Gebote aufschreibe, so werden sie doch geachtet wie eine fremde Lehre (Hosea 8,12)

Jesus spricht: Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme (Joh 18,37)

 

Liebe Leser*innen,

Die furchtbarste Geschichte der Bibel ist die, in der Gott dem Abraham gebietet, seinen Sohn zu töten. Ein Gehorsamsakt wird gefordert als Glaubensprüfung. So wurde mir diese alle unsere Vorstellungskraft übersteigende Grausamkeit Gottes erklärt. Wo Gott befiehlt, da haben wir zu gehorchen. Basta. Eine andere Wahl haben wir nicht, wenn wir Gott gefallen wollen, und das wollen wir doch, nicht wahr? Den Kindern Gottes bleibt eben keine Option außer Folge zu leisten, wenn der himmlische Vater seine Stimme zum Gebot erhebt. 

Für Isaak und Abraham und auch für Sarah, die Mutter des Isaak, ging die Geschichte insoweit gut aus, als dass Gott nach bestandener Prüfung sein Ansinnen zurückzog und Vater und Sohn unversehrt nach Hause zurückkehren konnten. Immerhin aber hatte diese Eskapade Gottes einem Widder das Leben gekostet. Ganz abgesehen von der Empörung darüber, dass Gott anscheinend in der Lage ist, menschliche Gefühle bis ins Unerträgliche zu strapazieren, um einmal auszutesten, ob eine*r auch brav ist.

Herrnhuter Losungen 5. April 2020    

Lobt Gott in den Versammlungen (Psalm 68, 27)

Als die große Menge, die auf das Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobt sei der, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel (Joh 12, 12-13)

 

Liebe Leser*innen,

Mit dem Ereignis, über das unsere Tageslosung berichtet, beginnt das finale Projekt in Jesu Lebensgeschichte. Er geht nach Jerusalem, um dort das Passahfest zu feiern. Die Hauptstadt wimmelt vor Menschen, das römische Militär ist in höchster Alarmbereitschaft. Zeiten wie diese sind wie gemacht für Aufstände und Revolutionen, und darum immer gefährliche Zeiten für die mächtigen, meist ungeliebten Herrn. Auch Jesus war von wohlmeinenden Menschen gewarnt worden, seine Idee besser fallen zu lassen. Schnell kommt es in überhitzten Zeiten zu falschen Einschätzungen und gefährlichen Überreaktionen.

Doch zuerst scheint es, ganz gut zu gehen. Die Leute laufen ihm entgegen und jubeln Jesus und seinen Begleiter*innen zu: Willkommen, auf dich haben wir gewartet! Sie sind euphorisch und ziemlich sicher, dass jetzt bessere Zeiten anbrechen. Manche erinnern sich an andere Einzüge in ihre Stadt: Der Cäsar nach der gewonnenen Schlacht; wer da nicht gejubelt hätten, den hätten die Spitzel bei den Römern denunziert. Sie übersahen die Details:  Dieser Mensch Jesus sitzt auf einem Esel, nicht auf dem geschmückten Schlachtross. Ihn begleiten keine Legionäre in prunkvollen Rüstungen, sondern einfache Menschen aus Galiläa und Umgebung, Lumpenpack in den Augen der vornehmen Hauptstädter*innen. Er führt auch keine Gefangenen in Käfigen mit wie wilde Tiere; die, die ihm folgen, glauben an ihn und seine Mission. Manche kamen auch nur, um Spaß zu haben, ein wenig Abwechslung, diesen Kasper kannten sie noch nicht, der trat zum ersten Mal auf dieser Bühne auf. Sie unterschätzten die Situation.

Herrnhuter Losungen 2. April 2020  

Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt, und noch jetzt verkündige ich deine Wunder (Psalm 71,17)

Simeon nahm das Kind Jesus auf seine Arme und lobte Gott und sprach: Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen (Lukas 2, 28-30)

 

Liebe Leser*innen,

dem greisen Simeon war versprochen worden, dass er nicht sterben würde, bevor er nicht seinen Frieden gemacht hätte mit dem Leben. Zu ihm gesellt sich in der Geburtsgeschichte Jesu die alte Frau Hannah, die nur 7 Jahre verheiratet und danach 77 Jahre (eine gefühlte Ewigkeit) Witwe war. Sie sollte vor ihrem Tod verstehen dürfen, welchen Sinn die Liebe macht, das schmerzensträchtigste aller Gefühle. An ihnen erfüllt sich die Weissagung des Propheten Joel, dass Gottes Friedensreich anbricht mit Menschen, die Visionen haben von einer Welt, in der es menschlich zugeht für alle, und für die solche Träume Anstoß werden zur gelebten Mitmenschlichkeit. 

Herrnhuter  Losungen 4. April 2020

Warum sollen die Heiden sagen: Wo ist denn ihr Gott? Unser Gott ist im Himmel; er kann schaffen, was er will. (Psalm 115, 2-3)

Gottes unsichtbares Wesen – das ist seine ewige Kraft und Gottheit – wird seit der Schöpfung der Welt, wenn man es wahrnimmt, ersehen an seinen Werken (Röm 1,20)

 

Liebe Leser*innen,

„Lieber Gott mach, dass meine Oma wieder gesund wird“- ich war 12 als ich so betete. Es war das letzte Mal, dass ich mir ganz selbstverständlich Gott vorstellen konnte. Nicht lange danach und, obwohl meine Oma gesund geworden war, begann ich zu ahnen, dass da wohl kein metaphysischer Puppenspieler in einem wie auch immer gearteten Jenseits sitzt, dessen hilfreiches Eingreifen man durch Gebet heraufbeschwören könnte. Ich war zu alt geworden für die Idee, Gott sei eine zu uns auf irgendeine Weise sprechende Person, und bis heute erscheint mir die Vorstellung, die letzte Wirklichkeit allen Seins, teilte sich auf alltägliche, menschlich – sprachliche Weise mit, absurd. Schon in meinem Studium überzeugten mich die Versuche der Dogmatiker nicht, für unseren Alltagsverstand nicht nachvollziehbare Aussagen über Gott, Vater Sohn und Geist plausibel machen zu wollen. Fast unerträglich finde ich auch alle Andachten auf Kalenderblättchen, die in ein paar wenigen Sätzen mit unerschütterliche Gewissheit über den wahlweise guten oder schlechten Ausgang des individuellen Lebens und der Geschichte als Ganzer informieren ( wobei mir dabei die mit dem guten Ausgang, immer noch lieber sind). 

Herrnhuter Losungen 1.April 2020   

Ich will mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens (Jesaja 65,19)

Jesus spricht zu seinen Jüngern: Ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen (Joh 16,22)

 

Liebe Leser*innen,

Unsere Tageslosung erinnert an mich an die Traurigkeit des kleinen Mädchens, das von der Lehrerin ungerecht behandelt worden war und gehofft hatte, Mama und Papa würden protestieren und für seine Version der Geschichte kämpfen. Aber Papa war nie da und Mamas Nerven waren zu schwach, um sich mit einer Autoritätsperson anzulegen, und Oma stapfte mit dem Fuß auf und meinte: „Kinder sollen ihren Eltern Freude machen. Und jetzt will ich nichts mehr hören von deinem Gejammer“. Die Lektion des Lebens: Reiß dich zusammen! Zeig nicht, wie es dir geht, denn das will keiner wissen! Damit nervst du nur. Damit gefällst du nicht. Was gefällt, ist: was Freude macht. Es gefällt die Illusion, alles sei in Ordnung.

Vielleicht hatte ich es verdient – ich war ein weinerliches Kind und übte mich beständig darin, meinen Willen mit Gejammer und Gezeter durchzusetzen. Hier auf Grenzen zu stoßen konnte heilsam sein. Vielleicht habe ich auch sinnvollerweise so gelernt, dass Maskentragen manchmal überlebensnotwendig ist für verletzliche Seelen. Vielleicht muss jede*r lernen, dass die Empathiefähigkeit der Mitmenschen nicht unendlich ist, und es deshalb eine Lüge gibt, die nötig ist, um als soziales Wesen zu überleben.

Herrnhuter Losungen   3. April 2020

Wohl dem Volk, das jauchzen kann! Herr, sie werden im Licht deines Antlitzes wandeln (Ps 89, 16)

Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit (Eph 5, 8-9)

 

Liebe Leser*innen,

Wo es Kinder des Lichts gibt, muss es auch Kinder der Finsternis geben? Die Kirchengeschichte zeigt, dass man diese Konsequenz nur allzu oft mit logischer Folgerichtigkeit und mit grausamen Folgen gezogen hat. Die ersten Opfer solcher Auslegung unserer Tageslosung waren die Jüd*innen; welche Blutspur das nach sich zog, ist bekannt. Später wurden unzählige Männer und Frauen von den unterschiedlichsten Inquisitoren gefoltert und gequält, damit ihr dunkles Wesen ans Licht gezerrt würde. Bis heute gibt es in Afrika christliche Gruppen, die brutale Exorzismen vornehmen, um angebliche Mächte der Finsternis aus psychisch kranken Menschen auszutreiben. Es gab Zwangstaufen mit der Zerstörung ganzer Kulturen, um Kinder des Lichts in den eroberten Ländern der Imperialisten zu produzieren. Aber auch so mancher brave pietistische Hausvater verbot die Hochzeit seiner Tochter mit einem katholischen Mann, hatte man doch gehört, welch finstere Machenschaften den Glauben der Papisten ausmachen. 

Herrnhuter Losungen 31. März 2020  

Jene, die fern sind, werden kommen und am Tempel des Herrn bauen (Sacharja 6,15)

Durch Jesus Christus werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist (Eph 2,22)

 

Liebe Leser*innen,

Wenn die Ressourcen knapp werden, für wen lohnt sich dann noch der Einsatz? 

In Zeiten des Mitgliederschwunds und der wegbrechenden Kirchensteuermittel ruft unsere Kirche eine „Zeit fürs Wesentliche“ aus. Nützlich auch, um Nachwuchs fürs Pfarramt anzuwerben, denn die Generation Y verlangt neben Leistung und Sinn auch nach Spaß und Selbstverwirklichung. Da macht es sich gut, den verlangten Arbeitsaufwand für Pfarrer*innen auf 41 Wochenstunden begrenzen zu können. Nahe liegt es dann, die Kräfte zuerst einmal für die zu verwenden, die dazu gehören. 41 Wochenstunden Pfarrdienst sind schnell verbraucht für die pastoralen Basics zur Versorgung der Kerngemeinde -  und die Frage unserer Tageslosung nach denen, die ferne sind, wird virulent.

Aber auch in der Pfarrergeneration Babyboomer, in der viele Kolleg*innen bereit sind, ihr Privatleben zugunsten des Jobs zurückzustellen, wird die Frage gestellt, ob kirchenferne Mitglieder größeren Aufwand überhaut wert sind. Unwahrscheinlich, dass sie - durch welches Angebot auch immer – motiviert würden, regelmäßig zum Gottesdienst zu kommen. Warum also um sie werben? Sollte man das Geld für den teuren Gemeindebrief, von dem 80% der Exemplare in Hausfluren ungelesen herumliegen oder gleich entsorgt werden, nicht besser sparen? Wie frustrierend ist die Tauffamilie, bei der der Vater längst aus der Kirche ausgetreten ist, die Mutter (in Elternzeit) nur noch so lange Mitglied bleibt, bis die Kindergartenfrage geklärt ist. Es gibt Gemeindemitglieder, die wegen des Engagements für die Fernen verärgert sind, wie der Mann, der mich extra anrief, um die Gründe für seinen Austritt zu nennen: zu viel Getue um die Flüchtlinge in der EkiR. Jetzt reichte es ihm mit diesem Verein. Oder: Konfirmandeneltern forderten uns kürzlich auf, nicht mehr um Spenden für die JVA-Seelsorge zu bitten, denn die, die im Gefängnis säßen, hätten keine Zuwendung verdient. Fürs Kinderhospiz würde man aber gerne spenden.

Unterkategorien