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Musisch-philosophischer Garten Kepía 

Dr. Andrea Vierle & Matthias Michalek, Lohstr. 46, 46047 Oberhausen

Liebe Kepía-Gäste,

Bildung • Kultur • Therapie

Oberhausen, in Zeiten des Corona-Virus

es sind schwierige Zeiten für uns alle: das öffentliche Leben und Sich-Begegnen wird immer weiter eingeschränkt und unterbunden, um so der großen Geschwindigkeit der Ansteckung mit dem Corona-Virus zu begegnen und Vorsorge dafür zu treffen, das genügend Versorgungsplätze für diejenigen Erkrankten bereit gehalten werden, die derer auch wirklich bedürfen.

Das betrifft auch unseren musisch-philosophischen Garten. Wir müssen entscheiden, ob wir uns der allgemeinen Schließung aller Bildungseinrichtungen anschließen, oder ob wir mit unseren Gruppengrößen meist unter 15 TeilnehmerInnen eher weitermachen sollten, um gerade jetzt Menschen die Möglichkeit zu geben, sich auszutauschen, gemeinsam nachzudenken und sich auf das Wesentliche zu besinnen.

Meines Erachtens geht es darum, den richtigen Weg zwischen Panik und Sorglosigkeit zu finden.

Sich mit Vorräten für die nächsten 6 Monate zu versorgen und sich im Haus zu verbarrikadieren, halte ich für übertriebene Panik. Jetzt Corona-Partys zu feiern oder in größeren Gruppen shoppen zu gehen, halte ich dagegen für fahrlässige Sorglosigkeit. Dazwischen müssen wir immer wieder neu entscheiden und herausfinden, wo für uns das richtige Maß liegt.

Diese Aufgabe mutet uns bereits Aristoteles zu, der im Rahmen seiner Affekt-Lehre dazu anhält, in der jeweiligen Situation zu bestimmen, welches Maß für den empfundenen Affekt das richtige ist. Dabei geht es darum, die rechte Mitte zwischen zwei Extremen zu finden – in unserem Zusammenhang eben zwischen kopfloser, blinder Angst, die uns nur in planlosen Aktionismus bringt und uns Schaden zufügt einerseits und gedankenloser Ignoranz auf der anderen Seite, die den Ernst der Situation komplett leugnet. Beide Extreme führen an dem nun Notwendigen vorbei und lassen uns somit in die Irre gehen. Beiden ist gemeinsam, dass sie eben kopf- bzw. gedankenlos und somit ohne Besinnung vorgehen, und uns damit nur zum Nachteil gereichen. Dagegen sollten wir kraft unserer Vernunft unser Denken aktivieren, um das Angemessene zwischen diesen beiden Polen zu erkennen und uns dementsprechend zu verhalten. Mir sei nachgesehen, dass ich hier noch hinzufügen möchte, dass Aristoteles oftmals dahingehend missverstanden wird, als ginge es ihm darum, immer nur ein ausgewogenes Mittelmaß innerhalb jeglicher Gefühlsregung zu finden – so, als schwebe ihm ein Ideal eines immer nur halb-warmen Gestimmtseins vor Augen, das keinen allzu großen Ausschlag kennt. Dies ist eher ein stoisches Ideal: sich nicht von den Wogen der empfindsamen Seele davon tragen zu lassen und auch in großer Bedrängnis oder übergroßer Freude stets die Beherrschung zu bewahren.

Aristoteles dagegen will anderes für uns: das rechte Maß der Mitte muss situativ ausgewogen werden. Es gibt Situationen, in denen es gefährlich wäre, sich nicht aufzuregen und in Zorn zu geraten – etwa, wenn Menschen in existentieller Not gezwungen werden, wochenlang auf einem Schiff zu verharren, ohne in einem relativ reichen und abgesicherten Staat aufgenommen zu werden – und es gibt Situationen, in denen es mir selbst schadet, wenn ich mich allzu sehr aufrege – etwa, wenn mich jemand kritisiert oder angreift, obwohl ich mir sicher bin, das Richtige getan zu haben.

Die Schwierigkeit in dieser Konzeption eines gelingenden ethischen Verhaltens, in dieser Zumutung des Aristoteles, liegt nun darin, dieses rechte Maß ein fürs andere Mal neu zu bestimmen. Somit ist es gerade nicht so, dass wir uns in eine bestimmte, fest stehende Haltung einüben könnten und damit dann ein für alle mal vor allem Fehlverhalten gefeit sind. Immer wieder sind wir gehalten – und zwar durch uns selbst und das von uns angestrebte Gute – aus guten Gründen zu entscheiden, was nun das Richtige, und zwar als das Angemessene, ist. Ein solches beständiges Maßnehmen ist zwar mitunter sehr anstrengend, aber auch heilsam, weil es uns eben genau davor bewahrt, kopf- und gedankenlos zu agieren.

Was sollen wir also tun? Kepía schließen oder gerade weitermachen?

Zunächst einmal ist es sicherlich ein gebotener Akt der Solidarität, Zusammenkünfte und soziale Kontakte zu minimieren, damit sich die Ansteckung, die sich wahrscheinlich nicht vermeiden lässt, sich nicht in einem Tempo vollzieht, das gerade die Geschwächten und Alten in Gefahr bringt. Es geht also nicht nur um die Frage der eigenen Sicherheit, die (wenn ich jetzt einmal an mich persönlich denke) sowieso nicht sehr gefährdet scheint; denn als nicht Vorerkrankte mit normaler, guter gesundheitlicher Disposition fühle ich mich – selbst im Falle einer Infektion – nicht wirklich bedroht. Aber es geht eben auch darum, andere zu schützen und die mögliche Kette einer Infektionsweitergabe zu unterbrechen.

Darum haben wir zunächst seit vergangenem Donnerstag alle Veranstaltungen abgesagt, da unser Sohn auf Corona getestet wurde (er hatte 14 Tage nach einer Klassenfahrt nach Rom starke Erkältungssymptome gezeigt). Glücklicherweise handelt es sich nur um eine normale Erkältung – der Test ist negativ. Jetzt wollen wir sehen, wie es weitergehen kann.

Wenn ich mir die öffentliche Diskussion anschaue, so gibt es Stimmen, die anmerken, das Corona-Virus diene den Kräften, die die Macht des Staates weiterhin stärken wollen und die Demokratie mit einer schleichenden Aufweichung aus den Angeln zu heben suchen. Sicherlich, es stimmt, wir erleben derzeit eine Grenzbeschreitung der Demokratie, insofern wir Vorschriften und Einschränkungen gegenüberstehen, die unsere persönliche Freiheit in weitreichendem Maße einengen.

Andererseits aber liegt das Problem der Demokratie eben genau darin, dass es Situationen gibt, in denen es nicht ausreicht, auf die Vernunft und die positive Bereitschaft ALLER zu bauen, da es immer Einige gibt, die sich egoistisch, unvernünftig, regellos oder allein auf den eigenen Vorteil bedacht verhalten. Manchmal aber gibt es Umstände, in denen ein allgemeines Verhalten so dringlich wichtig erscheint, dass wir keine Zeit mehr haben, abzuwarten, bis alle aus eigener, freier Einsicht überzeugt worden sind. (Obwohl ich es ja unter anderem als meine Aufgabe betrachte, Menschen zum Guten zu überzeugen).

Das führt uns zu anderen Stimmen, die wir hier im Privaten mit einem gewissen sarkastischen Unterton schon einmal so formuliert haben:

Dieses Corona-Virus vermag, was die gesamte Fridays-For-Future Bewegung mitsamt aller Wissenschaftler, die sich ihr angeschlossen haben, nicht vermochte: auf einmal ist eine Einschränkung der klimaschädlichen Verhaltensweisen von heute auf morgen möglich, nicht, weil wir alle so einsichtig geworden sind, sondern weil es uns geboten (und ich sage dies bewusst, da es sich meines Erachtens nicht um ein bloßes Verbot handelt) ist. Weniger zu reisen, Einschränkung der Klima belastenden Aktivitäten, bewusster Konsumverzicht bewirken jetzt schon Veränderungen, die sich positiv bemerken lassen – der Smog in Chinas Großstädten hebt sich, der so sehr belastende Schiffsverkehr in Italiens Häfen wird weniger, die Innenstädte werden leiser, Großveranstaltungen, die eine Verwüstung hinterlassen, bleiben aus, die Natur scheint sich – für einen kurzen Augenblick – zu entspannen.

Ich treibe diesen letzten Gedanken noch ein wenig weiter: ich glaube sogar, dass uns allen dieser verordnete Rückzug ins Innere ganz gut tut. Diese nicht im Vorhinein abzusehende Unterbrechung all unserer gewohnten Bezüge, in die wir uns jetzt zu fügen haben, und die uns plötzlich in den – zugegebenermaßen verordneten – Freiraum stellt, uns mit uns selbst auseinandersetzen zu können und zu müssen, bringt uns alle zu etwas, das wir in unserem gewohnten Alltäglichkeitsablauf oftmals vergessen und verdrängt haben: Wir können uns plötzlich überlegen, was uns wirklich wichtig ist und wie wir unsere freie Zeit, von der viele von uns – auch wir Kepianer – auf einmal viel mehr zur Verfügung haben, gestalten wollen.

(Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden: ich weiß genau, wie existentiell bedrohlich diese Situation für viele von uns ist – auch für uns; denn wir generieren von heute auf morgen keinerlei Einnahmen mehr. Dieser Aspekt bedrückt mich sehr und raubt mir zuweilen den Schlaf.)

Dennoch: Alleine das, einmal innezuhalten und zu überlegen, was wir denn jetzt eigentlich tun wollen, kennen einige von uns zuletzt aus Kindertagen, in denen dieses zugleich unangenehme und beglückende Gefühl am Beginn vieler wunderbarer Nachmittage stand: Was will ich denn jetzt eigentlich machen? Dieser Luxus, sich diese Frage überhaupt stellen zu können, wird uns jetzt zuteil.

Doch auch hier will ich nicht einseitig denken:

Mit Sicherheit ist genau dies, die viele freie Zeit, das Uneingebundensein, auch eine große Belastung. Sei es, dass sich viele Menschen einsam fühlen, weil ihnen die gewohnten sozialen Kontakte nicht mehr möglich sind, sei es, dass Kinder und Jugendliche ihre verordnete Zeit zu Hause sinnvoll und begleitet gestalten sollen, sei es, dass all das, was ich mir an gesellschaftlichen Unternehmungen aufgebaut habe, um mich im menschlichen Miteinander zu verankern, zur Zeit abreißt: all das kann sehr belastend und herausfordernd sein. Aber vielleicht setzt es auch andere Kräfte frei – z.B. die Kreativität, selbst Alternativen zur eigenen Gestaltung des Tages zu finden, sich selbst Inhalte zu geben und sich nicht nur von außen unterhalten zu lassen – und andere Wege der Kommunikation und des Miteinanders zu entdecken, die aus der Isolation herausführen und dennoch die gegebenen Regeln beachten.

Für mich ganz persönlich bedeutet das Unterschiedliches:

Ich merke einmal mehr, dass ich ein Familienmensch und ein Höhlentier bin. Ich bin gerne zu Hause, vermisse nichts, da ich sowieso nicht allzu gerne „raus“ gehe. Ebenso genieße ich es (bitte nicht weitersagen!), dass unser Sohn jetzt zu Hause ist, Zeit hat, sich mit Dingen zu beschäftigen, die er gerne tut und die ihm wichtig sind – und ich beobachte mit Freude, wie er mit einer Gruppe FFF engagierter Jugendlicher täglich neu gemeinsame Aktivitäten über Video-Schaltungen unternimmt – heute z.B. eine morgendliche Yoga-Stunde mit anschließendem Kuchenbacken.

Und wie immer habe ich das Gefühl, dass die Gesellschaft all der klugen Bücher um mich herum mir sehr verlockend und erfüllend erscheint.

Ich nehme mir Zeit, das zu tun, was ich schon so lange tun will und immer wieder aufschiebe, weil das „Tagesgeschäft“ es mir nicht ermöglicht – und ich habe das Gefühl, hier bei mir unendliche Möglichkeiten der Beschäftigung zu finden, ohne groß auf die Suche gehen zu müssen.

Nun, das alles ist für eine Philosophin nicht allzu überraschend – ganz im Gegenteil, es kommt mir sogar vertraut vor. Heute Morgen noch musste ich an jenen Passus aus Platons Dialog Phaidon denken, in dem Sokrates von einem Traum spricht, der ihm immer wieder die Aufforderung zukommen läßt, Musik zu machen und zu treiben – und er habe sich das immer so erklärt, dass diese Aufforderung an ihn erginge wie an einen Laufenden, den man zu noch schnellerem Laufen antreiben möchte, da er doch als Philosophierender bereits die beste Musik betreibe – so komme auch ich mir vor, wenn ich sage, dass wir nun doch einmal Zeit finden können, um nachzudenken, zu reflektieren und zu überlegen, was uns wahrhaft wichtig ist; denn genau das tun wir doch schon immer hier bei Kepía!

Umso mehr bestärkt es mich in dem Wissen und Denken, dass dieses Tun für uns Menschen das eigentlich Wichtige ist – und jetzt endlich einmal gibt es die Möglichkeit, das nicht nur als einen fraglichen Luxus anzusehen, sondern als eine existentielle Notwendigkeit.

Daraus aber ergibt sich wiederum die nächste Aufforderung: wir wollen weitermachen mit dem, was wir hier bei Kepía aufgebaut haben und praktizieren – und hier spüre ich wiederum, dass es mir fehlt, wenn ich es nicht tun kann. Unser Seminar, unsere Veranstaltungen, der Dialog und Austausch, die Begegnungen und Gespräche, all das kann ich nur unter großem Bedauern „auf Eis legen“. Und es schmerzt mich geradezu, wenn ich Eure und Ihre Reaktionen des Bedauerns lese und höre.

Genau darum sind wir nun dabei, uns Alternativen zu überlegen:

- Videoschaltungen, die es uns ermöglichen, unser Seminar und vielleicht auch das philosophische Café oder sogar den Lyrik-Salon virtuell weiter zu führen,

- Filme, mit denen wir Impulse für den Tag geben wollen – sei es in Form einer kurzen Reflexion, die etwas zum Nachdenken anstößt, sei es in Form einer meditativen Musik, die zum Entspannen und Wohlfühlen einlädt, sei es in Form einer Lesung, die innere Welten entstehen lässt oder in Form einer Impression hier aus dem Kepía Haus – etwas, was man sich anschauen, mit dem man mitgehen, mitfühlen kann, das man für sich selbst weiterführen kann, und mit dem man vielleicht auch in Austausch geraten kann,

- Gesprächszeiten, die wir denjenigen anbieten möchten, die sich einsam oder beunruhigt fühlen und dies gerne mit kundiger Hilfe bewältigen wollen.

Dies alles ist noch in Vorbereitung – aber wir sind ganz intensiv dabei, uns etwas einfallen zu lassen.

Es wäre schön, wenn Ihr und Sie demnächst einmal in die Mails schaut um mitzubekommen, was sich da von unserer Seite tut.

So hoffen wir, diese Krise gut durchlaufen zu können – und auch, wenn es eine vielbenutzte Wendung ist, so bin ich doch überzeugt davon, dass auch diese Krise eine Chance darstellt, die wir nutzen können, um uns selbst intensiver zu begegnen und neue Wege zu einem auf andere Weise erfüllten Leben zu finden. Und vielleicht wachsen auch Aufmerksamkeit, Solidarität und Mitgefühl für einander in dem Maße, in dem wir uns darauf besinnen, was wir denn jetzt eigentlich machen wollen.

In diesem Sinne grüßen wir alle unsere Kepía-Gäste ganz besonders herzlich, hoffen sehr stark, dass alle wohlbehalten durch diese Zeit hindurch gehen werden und wünschen uns allen, dass wir geschützt und behütet sein mögen.

Wir freuen uns schon jetzt wieder auf ein reales Wiedersehen – und sind sehr gespannt, wie bis dahin unsere Begegnungen in anderer Form Gestalt annehmen können.

Die allerbesten Grüße aus dem Kepía-Haus von den Kepianern