Am Sonntag , 31. März hielt der Leiter der Justizvollzugsanstalt Castrop-Rauxel, Ltd. Reg.Dir Julius Wandelt die Predigt im Gottesdienst in der Friedenskirche. Sein Thema: Zur Ruhe kommen !

 

Liebe Mitchristinnen, liebe Mitchristen,

erst einmal möchte ich mich bedanken und Ihnen sagen, dass ich mich sehr freue über den Zuspruch zu meiner Predigt im März 2017. Da ging es aus Anlass des Jubiläums der Reformation um die Abhandlung von Martin Luther über die Freiheit des Christenmenschen. Ich habe Ihnen von meinem Berufsalltag im Gefängnis berichtet und davon, wie wir unsere Freiheit als Christenmenschen auch einsetzen müssen, um Straftätern die Hoffnung zu spenden, dass es in jedem noch so kurvenreichen Leben geradeaus weitergehen kann. Wir müssen dafür sorgen, dass niemand, auch kein Straftäter, ausgegrenzt wird, der die Chance wahrnehmen möchte, als freier Christmensch umzukehren und auch vor Gott neu anzufangen.

Pfarrerin Augustin hat es vorhin schon erwähnt, ich habe Ihnen heute ein kleines Geschenk aus dem Gefängnis mitgebracht, zu dem es eine kleine Geschichte gibt, die ich Ihnen erst einmal erzählen möchte:

Die Justizvollzugsanstalt Castrop-Rauxel liegt in einem Ortsteil namens „Ickern“. Dort hat sich vor ca. 4 Jahren ein Bürgerverein gegründet, der den Stadtteil wieder erlebbar machen möchte, für alle die dort wohnen. Man will ein gemütliches Umfeld schaffen, in dem man gut einkaufen kann, sich gerne begegnet, sich austauscht und etwas miteinander unternimmt. Es gibt Straßenfeste, Theateraufführungen, ein Bürger-Picknick und vieles mehr. Nachbarschaftliches Engagement eben. Weil dort viele helfende Hände be- nötigt werden und wir mit mehr als 560 Gefangenen schließlich auch Be- wohner des Ortsteils sind, fand ich es eine Selbstverständlichkeit, dass wir uns an den Aktivitäten beteiligen.

Jetzt können Sie sich vielleicht vorstellen, dass nicht alle sofort „Hurra“ gerufen haben, wenn sich Straftäter unter die Bevölkerung mischen. Und es hat auch ein bisschen gedauert, bis wir eine Menge Vorurteile beseitigt hatten und klar war, dass die Jungs bald auch wieder „normale Nachbarn“ und draußen sein würden. Viele, die nicht erwischt worden sind, laufen schließlich auch draußen herum, ohne dass es jemand weiß.

Und dann haben wir einen - Gott sei Dank - erfolgreichen Beitrag leisten können, der uns zusammen gebracht hat. Der Vorstand des Bürgervereins hatte festgestellt, dass es zu wenig Bänke im Stadtteil gab, auf denen man sich mal kurz ausruhen kann. Die Stadtverwaltung hatte aber kein Geld da- für. Dann haben wir gemeinsam eine Holzbank entworfen in den Farben der Stadt Castrop-Rauxel, mit dem Logo des Bürgervereins „Mein Ickern e.V.“ und der Aufschrift: „Made in Ickern, JVA Castrop-Rauxel“. Diese Bank kann jeder kaufen und vor die eigene Haustür stellen. Wenn man jetzt in die Einkaufsstraße kommt, sieht man vor vielen Läden eine solche Bank stehen, sie wird morgens rausgestellt und abends wieder reingeholt (zur Verhinde- rung weiterer Straftaten wie Diebstahl usw.). Leute, auch wenn sie sich nicht kennen, setzen sich dort hin, kommen ins Gespräch miteinander und ruhen sich aus.

Und ruhen sich aus – das übergeordnete Thema des heutigen Gottesdienstes.

Ich habe Ihnen ein Exemplar mitgebracht, das die Gefangenen farbig auf das Thema abgestimmt, gestaltet haben. Ausruhen auf den Farben des Regenbogens. Es sind zwar nicht alle Farben des Regenbogens dabei, aber alle Farben der Bank finden sich im Regenbogen wieder. Ich finde, das ist ein sehr schönes Bild. Ein Regenbogen ist etwas farbig schillerndes Schönes, wegen seines breit gespannten Bogens aber auch etwas ruhiges, gewaltig, beständig und etwas gut geerdetes. Darauf kann man vielleicht sogar „himmlisch ausruhen“.

Ich möchte Sie einladen, auf der Bank Platz zu nehmen und zur Ruhe zu kommen. Lassen Sie uns darüber nachdenken, was es heißt, was wir vorhin aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus gehört haben: Jesus sagt:

„Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich will euch Ruhe verschaffen.“

Dieses Angebot von Jesus kann wohl keiner ausschlagen. Dabei hat Jesus in erster Linie nicht die Starken und Erfolgreichen im Blick, denen alles gelingt, sondern „Mühselige und Beladene“– heute würden wir sagen: Er- schöpfte und Belastete. Mit dieser Einladung verspricht er etwas, das die Starken Typen mit ihrer Stärke und die Erfolgreichen mit ihrem Erfolg gar nicht finden können: nämlich – Ruhe für die Seele.

Wir alle haben im Beruf und in der Familie eine Vielzahl von Dingen, die uns wirklich fordern. Wichtige Aufgaben, die im Zeitalter der Digitalisierung im- mer schneller erledigt werden müssen, die Stress verursachen, wo man gerne mal sagen möchte: „Jetzt lass mich doch mal in Ruhe“.

In dieser Situation kommt jemand und sagt: Nimm Platz und erzähle mir da- von, ich höre Dir zu; ich verschaffe Dir Ruhe.

Dazu gibt es eine jüdische Anekdote, die will ich Ihnen nicht vorenthalten: Eine Frau kommt zu einem Rabbi und sagt: "Ich habe so furchtbare Kopfschmerzen." Der Rabbi antwortet: "Dann erzählen Sie mal, was ihnen soviel Kopfzerbrechen macht." Und nach einer Stunde ruft sie aus: "Rabbi, ein Wunder ist geschehen". Meine Kopfschmerzen sind weg! "Nein", sagt der Rabbi, "sie sind nicht weg. Ich habe sie jetzt!"

So ist das „Ruhe verschaffen“ natürlich nicht gemeint! In älteren Übersetzungen taucht noch das inzwischen nicht mehr so gebräuchliche Wort „erquicken“ auf, das trifft es, glaube ich, ganz gut. „Ich werde Dich erquicken.“ Erquickung gibt es an der Quelle, aus der frisches, lebendiges Wasser fließt.

Und was ich wirklich toll finde: Wirklich jede und jeder von uns kann in diesem Moment für den anderen auf der Bank die Quelle sein, aus der neue Kraft geschöpft werden kann. Das lässt uns aufatmen und befreit in unseren Alltag gehen. Man kann zwar nicht davon ausgehen, dass die Lasten und Mühen sich in Luft aufgelöst haben, sie sind manchmal sogar dieselben; aber - sie lassen sich anders tragen, mit neuer Hoffnung und neuer Kraft.

Das war jetzt der Blickwinkel, wie jeder von uns Quelle für den anderen sein kann. Das Ganze hat aber auch noch einen unglaublich interessanten weite- ren Aspekt, den ich hier noch ansprechen möchte. Dazu berichte ich Ihnen wieder aus eigener Erfahrung:

Meine Frau und ich sind ja nun beide ganztags berufstätig, daher nehmen wir uns sonntags gerne ein bisschen Zeit zum Frühstücken. Und wenn ich dann den Frühstückstisch mit allen Extras fertig gedeckt habe, erlaube ich mir, an das Bett zu treten und so zu tun, als würde ich ganz pathetisch einen biblischen Text vortragen. Er hört sich aber nur so an, es ist keiner. Dann sage ich:

„Steh auf und folge mir nach – Wir werden uns in die Küche begeben – Dort werden wir Nahrung finden – Und unseren Durst stillen können.“

Wenn wir dann beide am Frühstückstisch sitzen und alles sieht gut aus, heißt es:

„Und sie sahen, dass es gut war.“

Den letzten Satz kennen Sie wieder, so ähnlich jedenfalls. Aus der Schöpfungsgeschichte, als Gott sah, dass es gut war und sich daraus entwickelte, dass man am siebten Tage ruhen soll. Ausruhen!

Und dann genießen wir die Herrlichkeit des Sonntags, sitzen zwar nicht nebeneinander auf einer Bank, sondern am Frühstückstisch, aber der Effekt ist der gleiche. Wir ruhen uns aus und sind überaus dankbar dafür, dass es das alles gibt. Wir genießen das Ausruhen von vielen Dingen, die unter der Wo- che alles andere waren, als Erquickung.

Und manchmal denke ich: guck mal, das können wir auch nur deshalb so genießen, weil wir des jeweils anderen Last kennen und im Laufe der Woche ein Stück mitgetragen haben. Jeder trage des anderen Last ein Stück mit. Nur weil wir im Laufe der Woche - im übertragenen Sinne - auch auf der Bank gesessen haben und manchmal auch Mühseligkeiten austauschen mussten, erquickt uns der Herr jetzt bei einem herrlichen Frühstück.

Genau diese Erkenntnis ist der für mich so interessante zweite Aspekt: Auch wenn man auf der Bank sitzt und die Mühseligkeiten des anderen zu hören bekommt, hinterher kommt es bei beiden zu einem „Durchatmen“, zu einem „Aufatmen“, zu neuer Kraft, die wirklich beiden weiterhilft. Am Ende stehen beide befreiter von der Bank auf, als es war, da sie sich hingesetzt haben. So wird es letztlich auch in der Geschichte mit dem Rabbi vorhin ge- wesen sein. Ich lade Sie herzlich ein, das auszuprobieren, es funktioniert!

Wir dürfen Last abgeben, an Gott, auch an andere Menschen, ohne Scheu, auch mal offen reden, auch mal klagen. Und wir sollen bereit sein, an fremder Last mitzutragen. Und dabei merkt man manchmal ganz erstaunt, dass dadurch die eigene Last leichter wird.

Zum Schluss möchte ich einen – wie ich finde – dazu sehr gut passenden zentralen Satz aus Luthers Schrift von der Freiheit des Christenmenschen zitieren, die beim letzten Mal im Mittelpunkt stand:

Siehe, also müssen Gottes Güter fließen aus einem in den anderen und gemein werden, dass ein jeglicher sich seines Nächsten so annehme, als wäre er ́s selbst.

Wo geht das so gut, wie in einer Begegnung und einem Gespräch auf einer solchen Bank. Sich dem Nächsten zuwenden und Ausruhen auf den Farben des Regenbogens. Farbig schön, breit gespannt und gut geerdet.

Amen