Von der Straße stammt das Bild dieser Karte. Ein mexikanisches Bild. Der oder die Maler sind unbekannt. Im Vorbeigehen hat es jemand aufgenommen. Wo wird man sich dieses Bild vorstellen dürfen, an einem U-Bahnhof? Oder in einem Fußgängertunnel? Ein Graffiti des gekreuzigten Jesus an einem belebten Ort. Schwer vorstellbar so etwas im säkularen Deutschland zu finden. Dort ist es nicht außergewöhnlich.

Eine andere Arbeit, auch von der Straße, auch aus Mexiko war auf der Biennale in Venedig zu sehen: Glasscheiben, groß wie Schaufenster, in einem dunklen Raum, der an eine Maschinenhalle erinnert. Von oben grell beleuchtet. Unten festgezurrt in einer Metallkonstruktion, durch die unmerkliche Stromstöße fließen. Dadurch kommt es zu einer leichten Vibration des Glases, eine Schwingung, als würde ein schwerer LKW auf einer vierspurigen Straße vorbeifahren. Auf die Glasscheiben sind Steckbriefe gekleistert, wie man das von alten Western her kennt. Darauf jeweils ein Datum. Aber die, die gesucht werden, sind keine Verbrecher, im Gegenteil. Es handelt sich um schwarzweiße Fotos vermisster, minderjähriger Mädchen. Eltern suchen nach ihren Kindern. Kinder, die oft nie wieder auftauchen, sondern verschollen bleiben. Für immer.

Die Glasscheiben wurden direkt in Mexico-City abmontiert und so wie sie waren, nach Venedig gebracht. Damit wenigstens irgendwer auf der Welt die Namen der Vermissten liest, ihre Gesichter sieht und sie nicht gänzlich untergehen und in Vergessenheit geraten.

Wenn das Leid so sichtbar auf der Straße zu finden ist, wundert es einen nicht, dass die Menschen genau dort auch den Gekreuzigten sehen wollen. Dort wo sie oft vorbeigehen. Mitten im Leben. Sie wollen ihn an ihrer Seite wissen, den Schmerzensmann, den Gottessohn. Den, der das Leben von unten kennt, wo es gar nicht mehr schön ist. Den, der am Ende selber Opfer war von Gewalt. Am Ende mit dem Lebensgefühl eines „no exit.“ Wohl wissend, dass es dann doch einen Ausweg gab. Nicht Menschen gemacht. Vielmehr von Gott gebahnt. Für seinen Sohn. Und damit für alle. Auch die vielen Namenlosen. Die Verlierer. Die Opfer.

Und so feiern die Mexikaner ihr Fest gegen den Tod nicht allein an Ostern. Auch an den Gräbern der Verstorbenen, sie feiern den „Dia de los muerlos“, den Tag der Toten. Sie treffen sich mit süßem Gebäck, grell geschminkt, in bunten Gewändern auf den Friedhöfen und danken, wenn bei uns Allerheiligen ist, mit ihren Nachbarn und Verwandten an die Verstorbenen früherer Generationen. Sie treffen sich mit süßem Gebäck, grell geschminkt, in bunten Gewändern auf den Friedhöfen und denken, wenn bei uns Allerheiligen ist, mit ihren Nachbarn und Verwandten an die Verstorbenen früherer Generationen. Sie feiern, als könnte der Tod dem Leben nichts mehr anhaben. Deshalb können sie auch den Gekreuzigten genau dorthin malen, wo man jeden. Tag vorbeigeht. Da ist dann das Kreuz Zeichen des Lebens – gegen den Tod.

 

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