Beim 125-jährigen Jubiläum der Gnadenkirche überbrachte Pfarrer Christoph von der Evangelischen Kirchengemeinde Essen-Borbeck-Vogelheim – unserer Muttergemeinde – herzliche Grüße und hielt folgende Ansprache:

Meine liebe Tochter,

ganz herzlich möchte ich Dir für deine Einladung zum 125. Jubiläum Deiner Gnadenkirche danken. Ich freue mich sehr, dass Du aus diesem Anlass an Deine alte Mutter gedacht hast. Ich bin gerne gekommen, zumal wir ja über viele, viele Jahre nicht mehr so einen engen Kontakt haben, obwohl wir ja doch so nahe beieinander wohnen.

Aber so ist das nun manchmal zwischen Müttern und Töchtern - man sieht sich, grüßt sich, wechselt das eine oder andere Wort: Jeder von uns hat ja genug mit sich selber zu tun - obwohl: machmal denke ich mir, es könnte doch auch hilfreich sein, wenn wir hin und wieder an der einen oder anderen Stelle zusammenarbeiten. Doch ich will darüber nicht klagen. Jede von uns geht ihren eigenen Weg, und auch das ist in Ordnung. Mit 37 Jahren bist Du bei mir ausgezogen, das war 1893 - wenn ich mich recht erinnere, und schon zwei Jahre vorher hast Du erste Schritte in Deine Selbständigkeit unternommen - den Namen des Pfarrvikars, in den Du Dich verguckt hast, erinnere ich nicht mehr. Das ist wohl meinem Alter geschuldet. Schon ein Jahr, nachdem Du ausgezogen bist, hast Du diese große Kirche gebaut, innerhalb eines halben Jahres. Das war schon eine großartige Leistung. Ja, mit 37 Jahren war es auch an der Zeit loszulassen. Du bist ja so groß geworden, denn der Verschiebebahnhof  in Dellwig / Frintrop entwickelte sich seit 1885 allmählich zum größten Güterverschiebebahnhof Deutschlands, und viele Eisenbahner und Arbeiter hatten sich hier niedergelassen. Dass Du Dich 1893 selbständig gemacht hast -

das war gut, denn ich hätte dich letztlich auch gar nicht mehr unterhalten können. Und so eine neue Kirche, wie die Gnadenkirche - finanziell wäre das für mich niemals möglich gewesen.  Du weißt ja, meine finanziellen Mittel waren sehr begrenzt. Wenn ich mich recht erinnere, hieß es schon im Protokoll der Kreissynode von 1893: „Borbeck kommt nie aus den Schulden heraus.“ Diese Aussage hat sich Deine Mutter sehr zu Herzen genommen, sie sogar als Weissagung verstanden und ich bin von daher dieser Tradidtion bis heute treu geblieben, weil wir immer mal wieder Geld ausgeben, das wir nicht haben, um Nöte von Menschen in unserer Gemeinde und im Stadtteil zu lindern und Einrichtungen zu unterhalten, um unserem diakonischen Auftrag nachzukommen. Wir haben mit dieser Situation gelebt und sind - natürlich auch durch die Unterstützung anderer - damit bisher irgendwie zurecht gekommen. Und doch es ist mir, meine liebe Tochter, gelungen, Dir - trotz allem - heute zu Deinem Jubiläum ein Geschenk mitzubringen. Ich habe mir gedacht, dass Du sonst auch sehr enttäuscht wärst, wenn ich zu deinem Jubiläum mit leeren Händen gekommen wäre. Oft ist es ja so, dass Mütter ihren Töchtern aus ihrem unglaublichen Fundus Dinge schenken, die sie selbst nicht mehr gebrauchen können. Das ist vor allem ja bei alten Müttern der Fall - zwar gut gemeint, aber als „Stehrümchen“ verschwindet es doch normalerweise in der hintersten Schrankecke und wird nur hervorgeholt, wenn die Mutter vielleicht mal vorbeischaut. Ich hätte da ja so einiges mitbringen können, aber ich habe es mir verkniffen, um Dich nicht in die Verlegenheit zu bringen, mir überschwenglich zu danken für etwas, was Dir letztlich gar keine Freude macht. Ich weiß natürlich, dass gerade in unserer Region, flache Geschenke sehr gerne gesehen und angenommen werden. Und so habe ich Dir, meine liebe Tochter, für jedes Jahr des Bestehens deiner unter Denkmalschutz stehenden Gnadenkirche einenTaler mitgebracht, Viel ist es ja nicht, was ich Dir heute überreichen kann, aber es ist eine kleine Anerkenntnis Deiner Mutter, die stolz darauf ist, dass Du in all den Jahren soviel geleistet hast und selbständig geblieben bist. Im Übrigen musst Du Dir keine Gedanken um das finanzielle Überleben Deiner Mutter machen. Ich bekomme das schon hin. Mach Dir also keine Sorgen, dass ich bei Dir irgendwann Unterschlupf suchen muss. Das geht nämlich nicht immer gut, wenn alte Mütter bei ihren Töchtern einziehen müssen.

So wünsche ich Dir, meine liebe Tochter, für die Zukunft alles Gute. Ich wünsche sehr, dass die Gnadenkirche ein lebendiger Ort der Verkündigung und Deines Gemeindelebens bleibt. Möge Gott über dieser Kirche und Deiner Gemeinde seinen reichen Segen ausgießen.

Herzlich grüßt Dich Deine Mutter. 

Pfarrer Fritz Pahlke dankte ganz herzlich für diese Grußworte und freute sich mit den Presbyteriumsmitgliedern, dass der überreichte Scheck auch gedeckt war.

 

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