Ein Andacht von Anke Augustin, Pfarrerin  (Impuls: gottesdienst Institut der Evang.-Luth. Kirche in Bayern)
 
„Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“ (1 Kor 3,11)

Jesus Christus ist Mittelpunkt unseres Glaubens. Daran haben Martin Luther und die anderen Reformatoren wieder neu erinnert.

Dazu habe ich das Bild von Lucas Cranach d.J. ausgeteilt. Denn Lucas Cranach hat gemalt, was die Reformatoren gepredigt haben!

Wir sehen hier das HERZFÖRMIGE Altarbild der Schlosskirche zu Codlitz in Sachsen.

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Also: es geht es dabei um das, was Gott am Herzen liegt: die Rettung und Erlösung der Menschen.

Wir dürfen mit der Öffnung der Altartüren sozusagen einen Blick auf das Geheimnis Gottes werfen: Gott öffnet sein Herz für die Menschen

„Fürchtet euch nicht“ – so sagt Jesus zu seinen Jüngern.

Die Reformatoren haben immerzu nur – und genau – das gepredigt: Gott öffnet sein Herz für uns – und deshalb gilt es: Ihr braucht keine Angst zu haben!

Schauen wir auf die linke Außenseite:

Schon bei geschlossenem Altarbild ist das eine Thema zu erkennen:

Auf der linken Seite sehen wir die Urszene des Menschseins. Adam und Eva sind im Paradies, umgeben von Harmonie: Rehe, Hasen und Füchse leben friedlich nebeneinander.

Adam nimmt soeben von Eva einen Apfel entgegen.

Die Schlange, die Eva dazu überredet hat, vom Baum der Erkenntnis zu essen, schlingt sich um diesen Baum und blickt von oben auf sie herab. Diese Erzählung ist als „Sündenfall“ in die Glaubensgeschichte eingegangen.

Es ist der Moment, den jeder Mensch individuell immer wieder erlebt und der erklärt, warum der Mensch nicht mehr im Paradies lebt: Die Trennung von Gott hat ihren Ursprung im Wunsch, sich nicht als Geschöpf zu verstehen, sondern so zu leben als ob wir Gott nicht brauchen: Unabhängig sein, frei sein, sich nichts schenken lassen wollen, sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, niemanden etwas schuldig sein müssen.

Doch anstatt sich wie Gott zu fühlen, entdecken die beiden ihre Blöße, ihre Nacktheit und schämen sich. Das ist die Kehrseite: Wer sich nichts schenken lassen will, wer alles selbst in die Hand nimmt, der muss auch mit seiner Blöße leben, der verzweifelt am Ende an dem, was er nicht kann, was er falsch macht, woran er schuldig wird. Adam schämt sich.

Die Furcht des Menschen, ist die Furcht, sozusagen „nackt“ dazustehen, als verletzlich und bedürftig dazustehen. Wir schämen uns unserer „Blöße“ -  Damit beginnt das Unheil des Menschen.

Auf der linken Seite malt uns Cranach also einen Spiegel vor Augen: So bist du, Mensch.

Auf der rechten Seite malt Cranach dann Gottes Antwort: die Gnade. 

„Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden“. Das sagt der Engel Gabriel zu Maria, die die Mutter Jesu werden soll.

Mensch, du hast Gnade gefunden vor Gott! Cranach malt ganz bewusst eine Maria, die der Eva auf der linken Seite wie aus dem Gesucht geschnitten ist. Mensch, Eva! Mensch, Adam!

Gott kommt dir nahe in seinem Sohn. Die Gnade ist Gottes Antwort auf die Sünde des Menschen. Noch ist nicht zu sehen, wie das zugehen soll, das Altarbild ist noch geschlossen

„Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden.

Dieses „Fürchte dich nicht“ durchzieht die ganze Bibel, es durchzieht die gesamte Geschichte Gottes mit uns Menschen.

Jetzt öffnen wir das Altarbild und schauen mitten in Gottes Herz, in das Geheimnis, das hier enthüllt wird.

Unser Blick fällt auf das Kreuz Christi. Dieses Bild sollen wir betrachten, meditieren, uns einprägen

Lucas Cranach, der Jüngere teilt das mittlere Bild in zwei Hälften: Am Kreuz, an Christus scheiden sich die Geister, trennen sich die Menschen zur Linken und zur Rechten.

Wo bist du, Mensch? Die Frage, die Gott Adam stellt, taucht hier wieder auf: Wo bist du, Mensch? Wendest du dich ab oder stellst du dich zu Christus?

Auf der linken, unteren Bildhälfte sehen wir in rot gekleidet den Lieblingsjünger Johannes, der mit den trauernden Jüngerinnen und Maria unter dem Kreuz ausharrt.

Auf Jesu rechter Seite hängt der verurteilte Verbrecher, der sich in seiner letzten Stunde Christus zuwendet und dem dieser verspricht: „Wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein“.

Mensch, wo bist du?

Wohin wendest du dich in deiner Furcht?

 Die Menschen zur Rechten des Gekreuzigten sind keine Helden. Aber sie halten aus, sie laufen nicht weg. Sie wagen den Blick auf den leidenden Christus.

Die Menschen auf der rechten Bildhälfte neben dem Kreuz haben keinen Blick für Christus: der Verbrecher wendet sich ab, die Soldaten streiten untereinander um den Mantel, andere stecken schwerbewaffnet in ihren Rüstungen. Alle sind beschäftigt mit sich selbst: Soldaten und Händler, ganz in ihrer Welt gefangen, die vor Waffen strotzt.

Wie viel Angst kann ein Mensch aushalten? Es gibt Situationen im Leben von einem jeden von uns, da wird die Angst übermächtig: sie ergreift uns und lässt uns völlig hilflos werden, machtlos, ausgeliefert. Wir können nichts dagegen tun. Oder doch?

Lucas Cranach malt ein Bild für solche Zeiten. Er hat die Angst selbst durchlebt: hat Vertreibung erlebt, Krieg, die Pest, die ihm die erste Frau genommen hat, hat Nächte durchwacht und durchbetet, in denen ihm vier seiner neun Kinder gestorben sind.

Was tun mit der Verzweiflung? – Das wird sich auch Lucas Cranach gefragt haben: Wohin mit meiner Angst? Wie die Furcht aushalten, die mich niederdrückt?

Er hat eine Antwort gefunden:

Schau auf Christus! Halt dich an ihm fest. Glaube!

Den Ausblick auf dieses Reich gibt uns Cranach auf der rechten Seite:

Die eben noch so furchterregend, waffenstrotzenden Soldaten sind eingeschlafen. Nur einer ist erwacht und schaut auf Christus. Die Welt hat sich verändert. Kein Säbelgerassel mehr. Die Waffen schweigen, Jesus ist Sieger: eingehüllt in den purpurfarbenen Königsmantel, in der Hand die Siegerfahne. Segnend wendet sich Jesus uns zu.

Und jetzt zeigt sich, wer wirklich der Herr dieser Welt ist: es ist der Auferstandene. Seine Gegenwart durchzieht die Weltzeit. Gottes Heilsplan durchkreuzt das Unheil der Welt.

In einem großen Bogen hat Cranach diese unsichtbare, verborgene Gegenwart des barmherzigen Gottes komponiert:

Was nicht zu sehen ist, aber der Glaubende hört, ist:

„Fürchte dich nicht!“

Fürchtet euch nicht – das ist den Hirten schon auf dem Feld gesagt worden.

Fürchtet euch nicht – das ist den Frauen am leeren Grab zugerufen worden. Fürchtet euch nicht – das ruft Christus uns vom Kreuz zu.

Schaut auf Christus in eurer Furcht – und prägt euch das Bild ins Herz ein.

Wenn einmal  die Furcht kommt, die Angst übergroß wird, dann können wir    dieses Bild  in die Hand  nehmen ! Schauen und hören, was Christus spricht: Fürchte dich nicht.

Schau auf Christus

Mehr musst du nicht tun.

Amen